Text: Jan Niklas Wilken (Bayreuth, Deutschland)
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Sommer 2006, der sich schon damals ebenso wunderbar wie einmalig anfühlte – ein echtes Sommermärchen. Deutschland war Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft, und obwohl ich damals noch ein junger Teenager war und viele der politischen oder organisatorischen Hintergründe kaum verstand, spürte ich doch, dass etwas Besonderes geschah. Es war, als ob das Land für ein paar Wochen einen tiefen Atemzug nahm und sich selbst von einer neuen Seite entdeckte, von einer weltoffenen und feierlichen. So lautete dann auch das offizielle Motto: Die Welt zu Gast bei Freunden.
Schon Wochen zuvor hingen an den Balkonen schwarz-rot-goldene Fahnen. Normalerweise sah man so etwas selten, aber 2006 fühlte es sich nicht nach politischem Pathos an, sondern nach einer kollektiven Freude, einer Art spontanen Leichtigkeit. Als die Eröffnung näher rückte, fingen in unserer Straße die Planungen an: „Wo schauen wir das Spiel? Wir brauchen genügend Platz für alle! Wer grillt?“ Aus den Radios erklangen ‚Zeit, dass sich was dreht‘ von Herbert Grönemeyer feat. Amadou & Mariam und ‚54, 74, 90, 2006‘ von den Sportfreunden Stiller, die versuchten, den vierten Weltmeistertitel herbeizusingen.
- Die Eröffnungsfeier in der Münchner Allianz Arena

Das Eröffnungsspiel – Deutschland gegen Costa Rica – habe ich noch mit allen Höhepunkten vor Augen. Wir schauten es dicht zusammengedrängt im Nachbarsgarten, viel zu viele Leute für die paar Bierbänke, also standen die meisten einfach. Als Philipp Lahm das erste Traumtor schoss, hüpften alle, der Taubenzüchter vom Ende der Straße, die pensionierte Lehrerin und selbst das spießige Ehepaar, das normalerweise zum Lachen und Feiern in den Keller ging. Wir alle lagen uns in den Armen. Plötzlich war da dieses Gefühl, dass jede und jeder dazugehören konnte, dass wir eine Gemeinschaft bildeten. Man genoss den Moment mit Menschen, an denen man im Alltag einfach vorbeiging.
Das ist das, was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist – nicht die Spiele selbst, sondern diese neue Offenheit, welche die WM-Euphorie hervorrief. Fremde sprachen sich beim Bäcker oder im Bus an, lachten gemeinsam, diskutierten Treffer und Fehlpässe und tippten die Ergebnisse der Abendspiele. Manchmal habe ich mich gefragt, ob die Stimmung wirklich so harmonisch war oder ob ich sie im Rückblick nostalgisch verkläre – aber selbst damals dachte ich schon: So war Deutschland sonst nicht. Ich versuchte, die Zeit so gut es ging in Erinnerung zu behalten, denn es war mir auch bewusst, dass es nicht immer so weitergehen konnte.
Jeder Sieg fühlte sich an, als würde er die ganze Stimmung noch ein wenig heller machen. Die Spieler von damals sind immer noch Helden und regelmäßig im Fernsehen zu sehen: Miroslav Klose, Lukas Podolski, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Michael Ballack wuchsen Spiel für Spiel über sich hinaus und machten aus dem Underdog Deutschland einen Titelanwärter. Besonders intensiv war das Viertelfinale gegen Argentinien, das erst im Elfmeterschießen gewonnen werden konnte – ich fühlte mich danach gute 10 Jahre älter.

Natürlich gehört auch das Halbfinale gegen Italien zu dieser Erinnerung – dieses bittere, so späte 0:2, das uns wie ein plötzlicher Kälteeinbruch traf. Ich erinnere mich noch, wie still alles bei uns wurde, die Party war vorbei. Alles hat einmal ein Ende. Aber selbst dieser Moment, so traurig er damals war, gehört zu diesem Sommer. Er machte all die schönen Momente davor irgendwie intensiver. Und nachdem Deutschland sich die Bronzemedaille gesichert hatte, wurde die Mannschaft wie ein Weltmeister in Berlin gefeiert.
Acht Jahre später wurde der Traum vom Titel in Brasilien Realität. Dennoch war die Weltmeisterschaft im eigenen Land, bisher mein absolutes Highlight als Fußballfan.
Wenn ich heute an 2006 denke, dann denke ich nicht nur an Fußball. Ich denke an ein Gefühl, das schwer zu greifen ist, an ein Land, das sich selbst überraschte. Ein Sommer, in dem ich gelernt habe, dass Fußball manchmal mehr sein kann als ein Spiel: ein Anlass, zusammenzurücken, zu feiern, zu hoffen und ja, auch zu trauern und sich gegenseitig zu trösten. Ein kleines Stück Utopie, das ein paar Wochen lang Wirklichkeit wurde.

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