Text: Ananko Ankomba Ablavi ASSOUM und Adjo Noelie Yayra NEGLO (Togo)
Am 4. September 2025 fand in Lomé ein Workshop zum Thema „Afrikanische Spiritualität neu denken: Forschungen des Projekts Dzoka und Legba zur Herkunft der Sammlung des Missionars Carl Spiess im Togo-deutschen und an der Goldküste“ statt. Diese einmalige Gelegenheit, Wissen über die afrikanische Spiritualität und die Ergebnisse des Provenienzforschungsprojekts Legba und Dzoka zu verbreiten, brachte rund 30 Teilnehmer:innen sowie ein Forschungsteam von 13 Mitgliedern zusammen. In diesem Artikel stellen wir Ihnen 09 zentrale Punkte aus den Beiträgen am Tag. Die letzten 05 werden Sie wohl kaum glauben.
- Auf Spurensuche: ein Forscherteam treibt Provenienzforschung zu Togos Kulturgütern voran
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Togo zu den Ländern gehört, deren Artefakte in deutschen Museen zu finden sind auch wenn man weder genau weiß, wo sie sich befinden, noch wie viele es insgesamt sind. Eine ermutigende Nachricht aus dem Workshop vom 4. September ist jedoch, dass sich ein Team togolesischer und ghanaischer Forscher: innen mit Unterstützung von Mitarbeitenden des Übersee-Museums Bremen vorgenommen hat, hier mehr Klarheit zu schaffen. Das Team umfasst 13 Personen aus Togo, Ghana und Deutschland, darunter Museumsfachleute, Vodou-Priester sowie interdisziplinäre Wissenschaftler wie Prof. Kokou Azamede, Dr. Kodzo Abotsi und Assima Tcharie Aboua von der Universität Lomé. Ihre Aufgabe: die Herkunft einiger Artefakte im Übersee-Museum Bremen (Sammlung des Missionars Spiess) zu untersuchen.
2. Togo gehört ein großer Teil der Artefakte im Übersee-Museum Bremen
Nicht 10, nicht 20 und auch nicht 400 sondern über 500 Objekte, darunter rund 300 mit spirituellem Charakter wurden vom Forschungsteam identifiziert. Diese Stücke, die zwischen 1892 und 1914 (il)legal ins Übersee-Museum Bremen gelangten, stammen vor allem von den Ewe des Togo‑deutschen und der Goldküste. Das gesamte Ensemble, bekannt als die Spiess-Sammlung, wird bis heute im Museum ausgestellt. Von Zeit zu Zeit dient es auch der Bildung der westafrikanischen Diaspora: Laut Silke Seybold organisiert das Museum pädagogische Workshops, die jungen Afrikaner:innen der Diaspora einen Zugang zu diesen Artefakten eröffnen.
3. Hoffnung für eine mögliche zukünftige Rückgabe für Togo
Noch 2023 erklärte der damalige deutsche Botschafter in Togo, Herr Veltin, Deutschland sei bereit, Objekte zurückzugeben, sofern eine offizielle Anfrage gestellt werde. Zwei Jahre später ist Togo einen Schritt weiter: Ein Forschungsteam hat mit seiner Provenienzstudie zu den Bremer Artefakten die Grundlage gelegt, die eine solche Anfrage erleichtert. Anstelle des Botschafters nahmen diesmal Vertreter der Nationalversammlung und ein Kurator des Nationalmuseums am Workshop teil. Diese staatlichen Akteure können die Ergebnisse in ihre Institutionen tragen und so die Chancen auf eine offizielle Anfrage und eine zukünftige Restitution deutlich erhöhen.
4. Missionar Carl Spiess und der „Raub“ von 500 Objekten
Carl Spiess, Missionar aus Bremen, kam 1892 zur Evangelisierung in den Süden des Togo‑deutschen Gebiets und blieb bis 1914. Dort begegnete er den Ewe im Süden Togos und Ghanas und begann, spirituelle Objekte zu sammeln, die er dem Museum in Bremen übergeben wollte. Zunächst brachte er 60 Stücke nach Deutschland, darunter 03 spirituelle. Der damalige Museumsleiter forderte ihn auf, künftig nur Objekte mit kultischem Charakter zu sammeln. Spiess folgte dieser Empfehlung und brachte am Ende seiner Mission rund 500 Werke zurück. Wie er diese Objekte erhielt, bleibt unklar: wurden sie freiwillig übergeben, unter Druck erlangt oder durch Initiation ins Fâ ermöglicht? Keiner weiß das. Heute lassen sich nur die Beschreibungen lesen, die er im Museum verfasste: „Ich habe es gekauft“, „Dies ist ein Geschenk“ oder „Ich habe es gefunden“ –Formulierungen, die den fragwürdigen Erwerb dieser spirituellen Artefakte kaum erklären.
5. Koloniale Raubkunst könnte aus Fälschungen bestehen
Überraschend, aber nach Einschätzung paar traditionellen Autoritäten, die da waren, ist es kaum vorstellbar, dass alle im Bremer Museum ausgestellten Artefakte tatsächlich kultisch genutzt wurden. Ihr Argument: Ein Vodou‑Anhänger würde seine Gottheit wohl kaum einem Fremden überlassen. Die Teilnehmenden vermuten daher Nachahmungen: Manche Vorfahren könnten Objekte herstellen lassen haben, die nie in Ritualen verwendet wurden, und diese dem Missionar statt der echten übergeben haben – ähnlich wie laut Prof. Oloukponna‑Yinnon beim Thron des Königs Béhanzin von Dahomey. Möglich ist auch, dass Spiess selbst Nachbildungen anfertigen ließ und sie dem Museum verkaufte.
6. Vodou‑Priester können in die Provenienzforschung einbezogen werden
Unerwartet, aber wahr: Die Zeit scheint vorbei, in der man glaubte, ein Vodou‑Priester sei ausschließlich dazu da, Ratsuchende in seinem Tempel zu mystischen Fragen zu beraten. Als Teil des 13‑köpfigen Forschungsteams wurden die Vodou‑Priester Christopher Voncujovi und Kofi Voncujovi vom African Magic Temple eingeladen und aktiv als Professionelle in das Provenienzprojekt eingebunden, um ihre Expertise zu den spirituellen Artefakten im Museum einzubringen. In diesem Rahmen reisten sie nicht nur nach Deutschland, um die Werke zu untersuchen, sondern beteiligten sich auch an den Diskussionen und brachten ihre praktische Erfahrung ein, um die rituellen Objekte besser zu verstehen.
7. Gbesa, Ebo, Dzoka oder Legba: vielleicht einfacher und näher, als Sie denken

Die ghanaische Linguistin Mercy Klugah zeigte im Workshop, dass diese Begriffe weit vertrauter sind, als man annimmt. Legba, oft von vielen als furchteinflößende Statue wahrgenommen, entstand ursprünglich aus dem Wunsch der Vorfahren, in Harmonie mit der Natur zu leben. Er wird aus Elementen wie Kräutern und Sand gefertigt und dient als Mittler zwischen Mensch und Gott. Dzoka bedeutet im Ewe „gebundenes Feuer“ (Dzo = Feuer, ka = Seil) und erscheint häufig als traditioneller Besen (Xavon). Seine spirituelle Mission wird durch eine Beschwörungsformel – Gbesa („gebundene Worte“) – festgelegt und gilt als unwiderruflich. Wird ein solcher Besen etwa für Liebeszauber genutzt, entfaltet die Wirkung sich als Ebo: eine magische, unumkehrbare Handlung.
8. Passen Sie auf: Diese Museumsstücke sind keine „Objekte“!
Die Artefakte, die wir in diesem Artikel teils als Kultgegenstände oder spirituelle Objekte bezeichnen, sollten nach Ansicht des Forscherteams nicht so genannt werden, ihre spirituelle Dimension unterscheidet sie klar von Alltagsgegenständen wie Kochutensilien oder anderen Gebrauchsobjekten. Die Linguistin Mercy Klugah betonte in ihrem Beitrag, dass es nicht nur falsch sei, Dzoka und Legba als „Dämonen“ zu bezeichnen. Ihrer Meinung nach dürfe man sie auch nicht einfach „Objekte“ nennen, da die über sie gesprochenen Worte ihnen eine Wirkung verleihen, die sie von gewöhnlichen Dingen unterscheidet.
9 – Afrikanische spirituelle Bildung kann mit dem Kauf eines Kunstwerks beginnen
Über dieses Thema zu sprechen, ohne die große Frage zu stellen – „Sollten diese Objekte (darunter Kultgegenstände) zurückkehren?“ – ist, wie Sie wissen, unmöglich. Das Team hat sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt und dazu fünf Gruppen befragt: afrikanische spirituelle Autoritäten (bokô, hûnø, amawøla), paar Mitglieder:innen der Pfingstkirche, Dorfälteste und ehemalige Praktizierende, Akademiker (Lehrende) sowie Künstler, die solche Werke herstellen.
Die Meinungen gingen auseinander: Für manche sind die Objekte entweiht, für andere bleiben sie spirituell und wichtig für die afrikanische Identität. Künstler wiederum wünschen Zugang zu Originalen, um sich inspirieren zu lassen.
Einigkeit bestand jedoch darin, jungen Afrikanerinnen und Afrikanern früh die Bedeutung der eigenen religiösen Kultur zu vermitteln. Forscher Sela Adjei schlug vor, in jedem Haushalt zumindest einfache kulturelle Statuetten zu haben – ähnlich wie die Marienfigur in manchen christlichen Familien –, um Kindern die afrikanische Spiritualität näherzubringen.
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Deutsche Zeitschrift aus Togo, die 2022 vom Deutsch-Klub der Université de Lomé (Togo) gegründet wurde. Unsere Vision besteht darin, in Togo einen renommierten deutschen Medienkanal zu schaffen, um unsere Minderheit, die fließend Deutsch spricht oder Deutsch übt, zu unterstützen und die damit verbundenen Vorteile zu fördern.






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